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FotoSpätestens seit der Veröffentlichung des Tools ChatGPT im Jahr 2022 hat der Ausdruck der damit verbundenen Künstlichen Intelligenz Einzug in den alltäglichen Sprachgebrauch gefunden: Binnen weniger Sekunden können Texte, Bilder oder selbst ganze akademische Arbeiten generiert werden – und das in zum Teil nicht schlechter Qualität. Dass die westliche Konsumgesellschaft nun nicht nur dazu neigt, zunehmend mehr Aufgaben an Künstliche Intelligenzen abzugeben, ist unbestritten, sie stellt auch den Anspruch der Aufklärung des 18. Jahrhunderts kräftig infrage: „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, stellt der Königsberger Philosoph Immanuel Kant einst zugespitzt fest: Warum im 21. Jahrhundert also noch eigenständig denken, wenn sämtliche KI-Modelle das (intellektuelle) Leben vereinfachen? Sind wir uns jedoch bereits zum gegenwärtigen Zeitpunkt bewusst, wie groß das Wissen künstlicher Systeme künftig sein wird?

Im Rahmen des großflächigen angelegten Projekts „Wissen wir, was KI wissen wird“ beschäftigte sich die 5A im Deutschunterricht zunächst mit einer Reihe theoretischer Texte zur Künstlichen Intelligenz: Die Monographie „Künstliche Intelligenz. Was sie kann & was uns erwartet“ (2018) der deutschen Wissenschaftsjournalistin Manuela Lenzen bildete das theoretische Fundament des Projekts. Die Schüler:innen erarbeiteten kapitelweise einzelne Themenkomplexe, stellten diese ihren Mitschüler:innen vor und entwickelten konkrete Fragestellungen, die sie an Frau Lenzen richteten, die der Klasse im virtuellen Raum, aus Nordrhein-Westfalen zugeschaltet, Rede und Antwort stand.

Den literarischen Mittelpunkt des Projekts stellte Elias Hirschls Roman „Content“ (2024) dar, dessen Handlung vor dem Hintergrund dreier Content Creatorinnen, Martha, Karin und Ich, spielt. Für die Content-Farme Smile Smile produzieren sie Nonsense-Inhalte, bis die Social-Media-Kanäle des Ichs von einer nicht greifbaren Instanz übernommen und fremdgesteuert werden – das Ich verliert die Kontrolle über die eigenen Accounts. Das Leben, das dem Ich auf dem eigenen Instagram-Kanal vorgelebt wird, suggeriert nicht nur eine gewisse Makellosigkeit, sondern kontrastiert auch mit seinem eigenen.

Die Buch-Rezensionen, die die Schüler:innen nach abgeschlossener Lektüre zu „Content“ verfassten, belegen die Wirkungskraft, die Hirschls Roman erzeugt. So schrieb eine Schülerin, dass das Buch einen starken Gesamteindruck hinterlasse und der Autor sehr gut beschreibe, wie die KI immer mehr das Leben von Menschen einnehme und die Kreativität verschwinde.

Das Wiener Schauspielhaus hat „Content“ in dramatisierter Form auf die Bühne gebracht: In der rund zweistündigen Aufführung verfolgten wir die Geschichte rund um das namenlose Ich, das mit Kapitalismus, Identität und Selbstinszenierung im digitalen Zeitalter konfrontiert ist.

Besonders schön war, dass die Klasse von ihren ehemaligen Mitschüler:innen, die unsere Schule im Juni letztes Jahres verlassen hatten, ins Schauspielhaus begleitetet wurde.

Künstliche Intelligenzen sind zu einem konstitutiven Bestandteil menschlichen Lebens geworden: Im Verlauf des Projekts stellte sich jedoch immer wieder heraus, dass KI-Modelle ihren Nutzer:innen zwar unterstützend zur Seite stehen können. Angesichts der Tatsache, dass Künstliche Intelligenzen jedoch ein von Menschenhand geschaffenes Produkt sind, ist ihr Output nicht weniger fehlerhaft – im Gegenteil. Dass die Transhumanisten also eines Tages die Oberhand gewinnen, schließt zumindest der amerikanische Informatiker John McCarthy augenzwinkernd aus: „Vermutlich werden wir nie Maschinen um uns haben wollen, die uns zu sehr ähneln. Wer will mit einem Computer zu tun haben, der die Nerven verliert oder mit einem verliebten Geldautomaten?“

Ein besonderer Dank gilt dem schulischen Elternverein, der das Gespräch mit Frau Lenzen finanzierte – VIELEN HERZLICHEN DANK!

Florian Palatin, BEd



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