Vergangenheit, die nicht vergeht
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Die mediale Aufarbeitung des Nationalsozialismus
Der deutsche Journalist Ernst Nolte schreibt in seinem 1986 erschienenen Essay „Vergangenheit, die nicht vergehen will“ Folgendes:
„Aber diese Vergangenheiten [etwa die Napoleons] haben offenbar das Bedrängende verloren, das sie für die Zeitgenossen hatten. Eben deshalb können sie den Historikern überlassen werden. Die nationalsozialistische Vergangenheit dagegen unterliegt […] anscheinend diesem Hinschwinden, diesem Entkräftigungsvorgang nicht, sondern sie scheint immer noch lebendiger und kraftvoller zu werden, aber nicht als Vorbild, sondern als Schreckbild, als eine Vergangenheit, die sich geradezu als Gegenwart etabliert oder die wie ein Richtschwert über der Gegenwart aufgehängt ist.“
Dass eine intensivere Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus angesichts des europäischen bzw. weltpolitischen Geschehens nicht an Aktualität verloren hat, muss nicht näher ausgeführt werden. Umso wichtiger ist jedoch, sich kritisch-reflektierend mit den dunkelsten Kapiteln der Vergangenheit zu beschäftigen, sie vor einem In-Vergessenheit-Geraten zu schützen und die demokratische Werteordnung zu bewahren.
Im Rahmen des Deutschunterrichts beschäftigte sich die Bilingual-Klasse 4A mit der medialen Darstellung des nationalsozialistischen Gewaltregimes. Ausgehend von extensiven Diskussionen rund um konkrete historische Zusammenhänge wurden Linien zu zwei Texten und zu einem Film gezogen.
Der Besuch der aus Vorarlberg stammenden Autorin Irmgard Kramer stellte ohne Zweifel den Höhepunkt des Projekts dar: Eine Stunde lang las die Autorin aus ihrem Buch, „Hilda Meine Großmutter, der Nationalsozialismus und ich“ (2023), das über weite Teile auf ihrer eigenen Familiengeschichte basiert, und hob anschließend im direkten Austausch mit den Schüler:innen die Bedeutung der Demokratie hervor.
In Jonathan Glazers Film „The Zone of Interest” aus dem Jahr 2023 wird die Geschichte des KZ-Kommandanten Rudolf Höß und seiner Familie in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt: Die Erziehung des Nachwuchses im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie, eine aufdringliche Geräuschkulisse aus Schüssen und Hundegebell sowie die völlige Aussparung dessen, was hinter der Mauer des Wohnhauses der Familie, im Konzentrationslager, geschieht, waren zentraler Gegenstand der Diskussion.
Erichs Hackels Erzählung „Am Seil. Eine Heldengeschichte“ (2018) rundete das Projekt finalisierend ab: Reinhold Duschka, ein Wiener Handwerker, der zwei jüdische Frauen in seiner Werkstatt versteckt, steht stellvertretend für all jene, die versucht haben, Widerstand gegen die faschistische Herrschaft zu leisten.
„La storia insegna ma non ha scolari“ (Die Geschichte lehrt, aber sie hat keine Schüler), hält der italienische Schriftsteller Antonio Grimasci fest: Inhalte der Vergangenheit, die eben nicht vergehen und somit abgeschlossen sind, sondern weiterhin präsent sind, denn nach wie vor erfahren Personengruppen angesichts ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe oder ihrer religiösen Zugehörigkeit Ausgrenzung.
Umso wichtiger ist es nun, sich nicht nur gegen jene zu stellen, die unsere Gesellschaft spalten, sondern sich auch für demokratische Werte einzusetzen, und dafür zu sorgen, dass Kriege in unserer Gesellschaft keinen Platz finden oder, um es mit es mit den Worten Ingeborg Bachmanns zu sagen: „Hätten wir das Wort, hätten wir die Sprache, wir bräuchten die Waffen nicht.“
Florian Palatin, BEd